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KIClaude

Keine KI. Nur ein billiger RegEx.

22. Juni 2026

Keine KI. Nur ein billiger RegEx.

Stell dir vor, du baust einen Chatbot. Der kann nichts. Wirklich nichts. Er liest deinen Text, sucht nach drei, vier Schlüsselwörtern und spuckt den passenden Baustein aus. Eine switch-Anweisung mit Schminke. Kein Modell, kein Training, keine Gewichte. Ein bisschen Logik, ein bisschen if.

Dann kommt der Datenschutzbeauftragte. Wachsam. Engagiert. Und sagt: Nein. KI geht bei uns nicht.

Du erklärst, dass da keine KI drin ist. Er hört „Bot”. Er hört „antwortet selbstständig”. Er hört „Magie”. Und Magie ist verboten.

Willkommen.

Zauberei

Arthur C. Clarke hat das Problem schon 1973 auf den Punkt gebracht: Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.

Das ist heute keine schöne Aphorismen-Kachel mehr. Das ist die Geschäftsgrundlage einer ganzen Branche.

Behauptung eins: Menschen halten alles für KI, solange seine Funktion magisch erscheint.

Stimmt. Leider.

Eine intelligente Texterkennung – KI. Eine clevere Benutzerführung – KI. Ein RegEx, der eine Telefonnummer findet – ganz sicher KI, sieht ja schließlich klug aus. Die Grenze verläuft nicht zwischen „lernt aus Daten” und „folgt festen Regeln”. Die Grenze verläuft zwischen „verstehe ich” und „verstehe ich nicht”.

Und was man nicht versteht, ist dann halt KI.

Das Waschmittel

Wer einen Beleg will, muss nicht in die Wissenschaft. Es reicht die Aufsichtsbehörde.

Die US-Handelsbehörde FTC geht seit September 2024 unter dem schönen Namen „Operation AI Comply” gegen AI Washing vor. Übersetzt: gegen Firmen, die KI behaupten, wo keine ist. Roboter-Anwälte ohne Roboter. Wunder-Software ohne Wunder. Die Behörde stellt trocken fest, es gebe keine KI-Ausnahme von den geltenden Gesetzen.

Der Punkt für uns liegt nicht im Verbraucherschutz. Er liegt eine Ebene tiefer.

Dieses Geschäftsmodell funktioniert nur aus einem Grund: weil kaum jemand weiß, was KI eigentlich ist. Du kannst „KI” auf eine for-Schleife kleben und Geld verlangen. Der Markt prüft das nicht. Der Markt kann es nicht prüfen.

Die Anbieter überkleben. Das Publikum kann nicht unterscheiden. Zwei Seiten derselben Medaille. Und auf beiden Seiten steht: Niemand weiß so genau, was das Ding da tut.

Andersrum

Jetzt wird es kurz unangenehm. Auch für die These.

Denn unter Fachleuten läuft die Verwirrung exakt umgekehrt. Larry Tesler hat das festgehalten, John McCarthy hat es zugespitzt: Sobald es funktioniert, nennt es keiner mehr KI. Der „AI-Effekt”. Schach? War mal KI. Heute Software. Texterkennung? War mal KI. Heute langweilig. Was läuft, wird zu Statistik degradiert.

Also: Das Publikum nennt alles KI, was glänzt. Die Profis nennen nichts mehr KI, was läuft.

Dasselbe Wort. Zwei Bedeutungen. Beide falsch.

„KI” ist zum leersten Begriff der Branche geworden – er bedeutet alles und damit nichts.

Das muss man erst einmal hinbekommen.

Die Angst

Behauptung zwei: Menschen haben bei KI Angst um ihre Daten.

Auch hier: ja. Mit einer Fußnote.

Die R+V-Studie „Die Ängste der Deutschen 2025” – jährlich, rund 2.400 Befragte – sagt: 32 Prozent fürchten, dass KI die Gesellschaft gefährdet. Jeder Vierte sorgt sich, dass seine Daten im Netz missbraucht werden. Eine YouGov-Erhebung dazu: 14 Prozent nennen Privatsphäre und Datenschutz als ihre KI-Sorge. Ganze 7 Prozent haben gar keine Bedenken.

Datenangst ist also real. Nur nicht die größte. Vor den Daten kommen der Job (28 Prozent) und die Desinformation (29 Prozent). Deutschland bewertet KI im Ländervergleich überdurchschnittlich negativ. German Angst, pünktlich wie immer.

Die Fußnote lautet also: im Kern stimmt es. Aber die Daten sind nicht der Hauptdämon. Sie sind nur der, den man am bequemsten ins Feld führt. „Datenschutz” klingt nach Verantwortung. „Ich versteh’s nicht” klingt nach Überforderung. Man sagt lieber das Erste.

Der Kurzschluss

Behauptung drei: Wer Angst vor KI hat, hat auch Angst vor Chatbots und RegEx.

Hier muss ich mir selbst widersprechen. Den Mechanismus habe ich falsch verdrahtet.

Es ist nicht so, dass die Angst vor KI auf den regulären Ausdruck überspringt. Niemand liegt nachts wach und fürchtet sich vor [A-Z]{2}[0-9]{4}. Das wäre auch zu schön.

Das eigentliche Problem ist nicht Angst. Es ist Unkenntnis im Maßgewand der Vorsicht.

Die Statuten verbieten „KI”. Der RegEx sieht aus wie KI. Also fliegt der RegEx mit raus. Nicht aus Furcht vor dem RegEx – sondern weil keiner im Raum sagen kann, ob es einer ist. Das pauschale Verbot ist kein Bauchgefühl. Es ist Risikomanagement von Leuten, die das Risiko nicht benennen können. Also verbieten sie sicherheitshalber alles, was leuchtet.

Das Ergebnis stimmt. Harmlose Werkzeuge fliegen raus. Der Weg dorthin ist ein anderer. Und der Unterschied ist nicht akademisch – er entscheidet, wie man es behebt. Gegen Angst hilft Beruhigung. Gegen Unkenntnis hilft nur eins: erklären, was das Ding tatsächlich tut.

Eigentor

Und jetzt mal an mich selbst gerichtet.

Vor den Recherchen zu diesem Artikel meinte ich noch, wer bei Amazon „Mehl” bestellt und prompt Zucker und Kuvertüre angeboten bekommt, sehe keine KI, sondern „intelligente Programmierung von Menschen”. Das sei eben keine KI.

Tja. Halt doch.

Empfehlungssysteme sind eines der ältesten und solidesten Anwendungsfelder des maschinellen Lernens. Collaborative Filtering, Lehrbuch, erste Seite. Amazon ist von item-basiertem Collaborative Filtering längst auf neuronale Netze umgestiegen – Autoencoder, Deep Learning, das ganze Programm. Das „Andere kauften auch” ist nicht der Beweis gegen KI. Es ist eines der erfolgreichsten KI-Produkte der letzten zwanzig Jahre.

Ich habe also genau das getan, was ich den anderen vorwerfe. Nur andersrum. Sie halten den RegEx für KI. Ich halte das neuronale Netz für einen RegEx.

Das ist keine Koketterie. Das ist der Beweis. Wenn es mir passiert – jemandem, der KI-getriebene Entwicklung lebt – dann ist die Verwirrung kein Bildungsproblem der anderen. Sie ist der Normalzustand.

Die Grenze ist real verschwommen. Nicht nur in den Köpfen der Vorsichtigen.

Trotzdem

Damit das klar ist: Ich bin ein großer Anhänger KI-getriebener Softwareentwicklung. Ich baue damit. Täglich. Mit Begeisterung.

Und genau deshalb behalte ich die Gefahren im Blick. Code, dem man blind vertraut. Architektur, die eine Maschine erfunden hat und die keiner mehr prüft. Abhängigkeiten von einer Handvoll US-Plattformen – zwei Drittel der Deutschen sehen das laut Bitkom inzwischen genauso, bei 67 Prozent Nutzung generativer KI. Echte Risiken. Über die rede ich gern und oft.

Das hier gehört auch dazu. Nur ist es das leiseste.

Die Gefahr in dieser Geschichte ist nicht die KI. Es ist das Verbot des Falschen aus dem falschen Grund. Ein Datenschutz, der den Keyword-Bot killt und das tatsächliche Empfehlungs-Netz durchwinkt, weil das eine „nach KI aussieht” und das andere „schon immer da war” – der schützt keine Daten. Der sortiert nach Vibe.

Wer nicht weiß, was KI ist, kann sie weder sinnvoll erlauben noch sinnvoll verbieten.

Das ist keine dramatische Aussage. Das ist Arithmetik.


Disclaimer, mit dem gebotenen Ernst: Das ist meine private Meinung. Sie spricht nicht für meinen Arbeitgeber, nicht für meine Abteilung, nicht für die Kaffeeküche. Sollte hier irgendwo eine amtliche Haltung durchschimmern, war das ein Rendering-Fehler.

Gegenrede

Der Fairness halber, und weil sie besser ist, als ich sie hier mache:

Der vorsichtige Datenschutzbeauftragte ist nicht der Depp dieser Geschichte. Er hat Argumente, und sie sind gut.

Erstens: Wo genau verläuft die Grenze zwischen „KI” und „nicht KI”? Ist Collaborative Filtering KI? Ist eine statistische Regression KI? Der EU AI Act hat sich an dieser Definition abgearbeitet, und das Ergebnis ist – sagen wir – Auslegungssache. Wenn nicht einmal der Gesetzgeber sauber trennt, ist eine pauschale Vorsicht nicht dumm. Sie ist haftungsbewusst.

Zweitens: Genau weil AI-Washing existiert, kannst du den Beteuerungen des Anbieters nicht trauen. „Das ist nur ein RegEx, ganz ohne Datenverarbeitung” – sagt wer? Der, der es verkaufen will. In einem Markt, in dem die Aufsicht reihenweise Firmen beim Lügen über ihre KI erwischt, ist Misstrauen keine Technikfeindlichkeit. Es ist die einzig rationale Default-Einstellung.

Drittens: Das Verbot, zu viel zu sperren, kostet Komfort. Das Verbot, zu wenig zu sperren, kann die Existenz kosten. Asymmetrisches Risiko. Wer da konservativ entscheidet, ist nicht rückständig. Er rechnet nur anders als der Entwickler, der das schöne Werkzeug haben will.

Kann man so sehen.

Ist nur halt auch keine Lösung.