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KIClaude

Mehr geschafft. Weniger da. Mit KI.

7. Juli 2026

Mehr geschafft. Weniger da. Mit KI.

Letzte Woche hat mich meine Frau als Zombie bezeichnet.

Mit dem freundlichen Hinweis, dass Schlaf eine gute Idee wäre.

Stimmt.

Goldrausch

Ich erinnere mich noch an den C64. Den Moment, als das Ding im Wohnzimmer stand und plötzlich klar war: Das ist kein Spielzeug. Das ändert alles.

KI ist das gerade. Aber schneller. Und lauter.

Was vorher Wochen gedauert hat – Projekte, die ich aus gutem Grund nie zu Ende gebracht habe –, sind jetzt in zwei Wochen fertig. Echte Projekte. Fertige Projekte. Das Ding läuft, es funktioniert, nächstes Bitte.

Kurze Vorgeschichte dazu.

Ich hatte früher immer zehn Projekte gleichzeitig laufen. Mindestens. Abgeschlossen: keins. Oder alle zwanzig Mal eins. Vielleicht. Ewig gedauert, irgendwann liegen gelassen, nächstes angefangen. Meine Familie wusste: Wenn ein Projekt angekündigt wird, wird das nichts. Über Jahre. Vielleicht nie.

Heute werden neun von zehn Projekten fertig. In Wochen.

Das Problem: Es gibt kein nächstes Mal mit Pause dazwischen. Nur nächstes Mal. Direkt.

Aber das ist nicht nur Tempo. Das wäre zu einfach erklärt.

KI nimmt einem Dinge weg, die früher gebremst haben. Prokrastination. Das weiße Blatt. Die Schreibblockade vor einem Konzept, das man eigentlich schon im Kopf hatte, aber irgendwie nicht auf die Tastatur bekam. Die fehlende Struktur, die dazu geführt hat, dass man drei Abende lang angefangen und wieder aufgehört hat.

Das alles fällt weg.

Was übrig bleibt, ist das eigentliche Arbeiten. Ohne Leerlauf. Ohne die üblichen Bremsen. Für jemanden, dem genau diese Bremsen ein Leben lang Energie gekostet haben, ist das kein Produktivitätsgewinn. Das ist eine andere Realität.

Und wie jede andere Realität: Man muss sich erstmal daran gewöhnen.

Einschub: Ich rede von privaten Projekten, die ich aus eigenem Antrieb angehe.

Zombie

Der Begriff trifft es gut.

Man funktioniert. Man produziert. Man ist, objektiv gesehen, produktiver als je zuvor. Und gleichzeitig läuft irgendwas im Hintergrund, das sich nicht abschaltet.

Das Gehirn ist in einem Zustand, den Forscher gerade erst anfangen zu beschreiben. Der Begriff kursiert in der Literatur: „digitaler Burnout”. Klingt wie ein Modewort. Ist aber messbar.

Die produktivsten KI-Nutzer sind am stärksten burnout-gefährdet – und doppelt so oft kurz davor, alles hinzuschmeißen.

Das hat Upwork 2025 in einer Studie mit 2.500 Befragten herausgefunden. 88 Prozent der Top-Performer im KI-Bereich berichten von Burnout. Die Produktivität steigt. Das Wohlbefinden fällt. Gleichzeitig.

Kann man schlechter beschreiben. Ist halt trotzdem das Ergebnis.

Der Kollege

Es gibt eine Version dieses Phänomens, die ich aus eigener Erfahrung kenne.

Man kommt ins Meeting. Man hat gerade ein Tool ausprobiert, das in drei Stunden erledigt hat, wofür man früher drei Tage gebraucht hätte. Man will das erzählen. Man erzählt es. Der Kollege schaut kurz vom Bildschirm hoch. Nickt. Oder verdreht die Augen. Schaut wieder runter.

Das ist kein Desinteresse. Das ist Erschöpfung. Oder da ist einer genervt. Von Dir.

KI-Begeisterung hat ein soziales Haltbarkeitsdatum. Für einen selbst: endlos. Für alle anderen: ungefähr zwei Gespräche, dann reicht es.

Das ist kein Angriff auf die Kollegen. Wer täglich von nichts anderem spricht, verliert irgendwann sein Publikum. Und wundert sich dann, warum alle plötzlich Termine haben, wenn er den Konferenzraum betritt.

Zuhause

Noch schöner ist es zuhause.

„Du machst schon wieder irgendwas am Computer.” „Ich erkläre es dir gerne.” „Du hast es schon dreimal erklärt.” „Aber diesmal ist es anders.” „Das sagst du auch immer.”

Das ist kein Vorwurf. Das ist eine Beobachtung. Und sie stimmt.

Die Technologiebegeisterung, die einen selbst antreibt, ist für Außenstehende schlicht nicht übertragbar. Man kann es beschreiben. Man kann Demos zeigen. Man kann enthusiastisch gestikulieren. Es hilft nichts. Wer nicht drin ist, ist nicht drin.

Und die Familie ist meistens nicht drin. Selbst dann, wenn Projekte fertig werden.

Was bleibt, ist eine seltsame Einsamkeit inmitten von Produktivität. Man macht mehr als je zuvor. Man ist präsenter am Bildschirm als je zuvor. Und gleichzeitig weniger präsent für die Menschen daneben.

Das ist die echte Gefahr. Nicht die KI. Die Menschen, die man dabei verliert.

Was schiefläuft

Spoiler: Es ist nicht die Technologie.

Die Technologie tut, was sie tun soll. Sie beschleunigt. Sie ermöglicht. Sie öffnet Räume, die vorher zu aufwendig waren, um sie überhaupt zu betreten.

Das Problem sitzt zwischen Tastatur und Rückenlehne.

Wir haben keine mentale Infrastruktur für dieses Tempo gebaut. Früher hat ein Projekt sechs Wochen gedauert, und das hat uns sechs Wochen gegeben, um uns daran zu gewöhnen. Jetzt dauert es eine Woche, und dann kommt schon das nächste. Und das übernächste. Die Pausen, die früher erzwungen waren, fallen weg. Weil die Technologie sie nicht mehr erzwingt.

Selbstdisziplin wäre jetzt gefragt. Ausgerechnet.

Wer von sich weiß, dass er bei interessanten Projekten gerne vergisst, dass es auch noch einen Körper gibt – für den ist KI weniger ein Werkzeug als ein sehr effizienter Weg, sich selbst zu zerlegen.

Was nicht schiefläuft

Alles davon ist verhinderbar.

Burnout entsteht nicht durch Begeisterung. Er entsteht durch fehlende Grenzen. Durch das Fehlen von echten Pausen. Durch den Reflex, nach einem abgeschlossenen Projekt sofort das nächste aufzumachen, weil es ja jetzt so schnell geht.

Das lässt sich ändern. Nicht durch weniger KI. Durch mehr Bewusstsein dafür, was man da eigentlich tut.

Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht.

Und mit den Kollegen? Wählerischer erzählen. Nicht jedes Update ist ein Vortrag wert. Manche Dinge kann man auch für sich behalten, bis sie für andere greifbar sind. Das ist keine Zurückhaltung. Das ist Respekt vor der Aufmerksamkeit anderer.

Mit der Familie? Noch einfacher. Bildschirm zu. Nicht nach dem zweiten Hinweis. Beim ersten.

Einstiegsphase

Das hier ist Goldfieber im Stadium eins.

Historisch gesehen, wenn eine Technologie plötzlich das Mögliche neu definiert, gibt es eine Phase der Überforderung. Den C64 hat man irgendwann auch weggelegt und geschlafen. Das Web hat man irgendwann nicht mehr rund um die Uhr geöffnet gelassen. Smartphones haben wir uns schrittweise beigebracht, auch mal wegzulegen.

KI wird sich normalisieren. Die Frage ist nur: In welchem Zustand bin ich, wenn das passiert?

Die Entwicklung der KI läuft gerade in einer Kurve, die eher einer Hyperbel ähnelt als einer normalen Wachstumskurve. Ob das so bleibt, weiß niemand. Wenn die Kurve sich irgendwann abflacht, werden wir sehen, wer das Tempo mitgegangen ist – und wer es überlebt hat.

Ich hoffe, dass meine Teamkollegen mich bis dahin nicht erschlagen haben. Und dass meine Überforderungskurve hoffentlich flacher verläuft als die der KI.

Und wenn doch: Ich war zumindest produktiv dabei.